Die britischen “Nationen” und ihre Kirchen

Das große Familienfest zu Weihnachten findet in Großbritannien am Morgen des 25.12. statt. Soviel ist vielleicht noch bekannt. Aber in dem Land, in dem an Sonntagen das Einkaufen schon lange möglich war, bevor in Deutschland erste Geschäfte öffneten, geht an Weihnachten gar nichts. Das Fest der Christenheit ist hier hochheilig, was sich z.B. dadurch zeigt, dass im ganzen Land an diesem Tag keine Züge fahren.

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Iona Abbey; hier gründete 563 der aus Irland stammende Heilige Columba ein Kloster und war damit ein Mitbegründer des Christentums in Großbritannien. Heute besteht in der mittelalterlichen Abtei eine protestantische Laiengemeinschaft, die Iona Community. Einige Protestanten sehen den St Columba als Vorkämpfer des Protestantismus.

Am Neujahrstag hingegen verkehren in England einige Züge, während in Schottland auch dann nichts geht. Obwohl das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland insgesamt überwiegend protestantisch ist, bestehen doch deutliche Unterschiede. Religion ist die Angelegenheit der “Nationen,” England, Schottland, Wales und Nordirland. In Schottland besteht eine andere Form des Protestantismus als in England. Für die ist der Neujahrstag noch heiliger als Weihnachten.

In England dominiert die anglikanische Kirche, gegründet durch König Henry VIII, weil der Papst ihm die Annullierung seiner Ehe verweigerte. Die Church of England ist auf der ganzen Welt vertreten, vor allem aber in vormals britischen Kolonien. Es gibt in ihr verschiedene Strömungen. Die sogenannte Hohe Kirche sieht sich eigentlich als katholisch und geht zur (anglikanischen) Messe. Die Niedere Kirche hingegen hat fast schon freikirchlichen Charakter.

Zwar ist die Königin schon lange oberste Gouverneurin der Kirche, aber erst 1992 beschlossen die Anglikaner auch Frauen zum Priesteramt zuzulassen, und in 2014 wurde Libby Lane die erste Bischöfin. Wegen der Verbundenheit der britischen Krone mit der Kirche, dürfen Thronfolger noch heute keine Katholiken heiraten, denn deren Kinder wären nach kanonischem Recht ja auch Katholiken, was in der Zukunft zu einem Dilemma führen würde.

Viele Anglikaner hatten auf eine “Wiedervereinigung” mit der katholischen Kirche gehofft. Die Hoffnung wurde jedoch mit der Priesterweihe von Frauen zerschlagen. In 2011 schuf Papst Benedikt XVI daraufhin das Personalordinariat Unserer Lieben Frau von Walsingham. Deren Mitglieder sind Katholiken, sie können aber ihre spezifisches anglikanisches Erbe weiterhin pflegen.

Die anglikanische Kirche existiert auch als Church in Wales, Scottish Episcopal Church und Church of Ireland. In Schottland hat aber in der Mitte des 16. Jh. unter der Führung von John Knox sich eine presbyterianische und calvinistische Kirche herausgebildet. In der Church of Scotland gibt es keine Bischöfe und der Pfarrer wird von der Gemeinde bestellt. Nicht selten findet man in einer presbyterianischen Kirche nicht einmal ein Kreuz, weil jegliche Symbole als Idole verteufelt sind. Von der Church of Scotland haben sich wiederum diverse Freikirchen abgespalten, wie z.B. die Free Church of Scotland.

Der Katholizismus wurde zur Zeiten der Reformation verboten und St John Ogilvie wurde wegen seines Glaubens 1615 in Glasgow erhängt. Erst 1878 konnte die katholische Kirche sich in Schottland reetablieren. Heute gibt es prozentual mehr Katholiken in Schottland als in England. Überwiegend sind sie Nachfahren irischer, italienischer und polnischer Einwanderer. In den Highlands und auf den südlichen Inseln der Äußeren Hebriden gab es aber auch Gegenden, die die Reformation nie erreicht hat. In Teilen der schottischen Bevölkerung bestehen noch immer starke Vorurteile gegenüber der jeweils anderen Konfession, die insbesondere bei Fußballspielen zwischen dem katholischen Club ‘Celtic’ und dem protestantischen ‘Rangers’ in Glasgow sich zuweilen entladen.

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Fàilte Dhut a Mhoire (Gälisch: Gegrüßest seist du Maria); die Insel Süd-Uist ist mehrheitlich katholisch, denn die Reformation hat sie nie erreicht.

Dennoch sind die Animositäten in Nordirland wegen der politischen Dimension noch viel stärker. Im 17. Jh. “pflanzte” (so die offizielle Bezeichnung) die britische Regierung protestantische Siedler im erzkatholischen Irland, vor allem im Norden. Als Irland 1922 unabhängig wurde, bildeten die Protestanten in Nordirland die Mehrheit und die Region blieb Teil des Vereinigten Königreiches. Da Katholiken aber in der Regel mehr Kinder haben als Protestanten, verändert sich das Verhältnis. Bei den letzten Wahlen zum nordirischen Parlament haben 2017 erstmals die (katholisch dominierten) Parteien, die für eine Vereinigung mit der Republik Irland sind, eine Mehrheit bekommen.

Nichtsdestotrotz hat eine Studie in 2016 ergeben, dass erstmals mehr Menschen im Vereinigten Königreich sich jetzt als unreligiös bezeichnen, denn als Christen. Missbrauchsskandale vor allem in der katholischen und in der anglikanischen Kirche haben ihr übriges getan. Dennoch schauen gerade im Jahr des 500-jährigen Reformationsjubiläums viele britische Protestanten nach Deutschland. Nicht nur die Anglikaner, die sich in Kommunion mit den Lutheranern befinden, sehen in Martin Luther ein Vorbild, auch die Presbyterianer schauen dieser Tage nach Wittenberg.

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