Brexit and Scottish Independence

A selection of reports on Brexit and Scottish Independence


Harter Brexit, Covid 19 und schottische Unabh├Ąngigkeit. Mein Interview f├╝r “Europa Heute” im Deutschlandfunk (16.6.20)┬áin German


After the UK general election that gave the Conservatives a sweeping majority in England and an overwhelming majority to the SNP in Scotland the electoral map is blue south of and yellow north of the River Tweed. But is that the full story? (19/12/19) in English


Nach der “Brexitwahl:” Stehen schottische Unabh├Ąngigkeit und irische Wiedervereinigung vor der T├╝r? (13.12.19) in German

Die Schlagzeilen meines Beitrages zu einer Diskussionsrunde im Deutschlandfunk


The effects of Brexit are already being felt in 2018 by one of Scotland’s sea food companies, Loch Fyne Oysters, which sells to many parts of Europe

in English, video journalism


Also see my 5-part series of news features on Brexit, Scottish Independence, the BBC’s impartiality and the international context for BBC ALBA here


Interview im Hessischen Rundfunk ├╝ber Brexit und Schottische Unabh├Ąngigkeit (17.3.17), in German

Copyright by hr-iNFO


Live interview after UK Prime Minister, Theresa May’s speech on her vision for Brexit (17/1/17), in English


Live interview ├╝ber Schottland und Brexit im Deutschlandfunk (27.6.16), in German

Schottische Unabh├Ąngigkeit ist denkbar


Gro├čbritannien ist gespalten ├╝ber die Frage: Sein oder Nichtsein – in der EU

Der britische Premierminister David Cameron hatte vor den letzten Wahlen ein Referendum zur Mitgliedschaft seines Landes in der EU versprochen. Insbesondere in seiner konservativen Partei dr├Ąngten viele darauf. ├ťbermorgen ist es nun soweit: die Briten stimmen ab. In den letzten Wochen standen die Zahlen der Austrittsbef├╝rworter und ÔÇôgegner dabei Kopf an Kopf. Das Land scheint gespalten.

Blick auf Hummerk├Ârbe auf der Isle of Luing in der N├Ąhe von Oban (Schottland)
Blick auf Hummerk├Ârbe auf der Isle of Luing in der N├Ąhe von Oban (Schottland)

John McAlistair hat mehrere Fischerboote in Oban, einer Kleinstadt an der schottischen Westk├╝ste. Wie viele Fischer ist er der Meinung, dass die EU mit ihren Fangquoten den Niedergang der Fischerei in Gro├čbritannien verursacht hat. Er wird f├╝r den Austritt stimmen.
Premierminister Cameron hingegen wies k├╝rzlich darauf hin, dass in den letzten f├╝nf Jahren 20% mehr Fisch in Gro├čbritannien angelandet wurde, und der Wert der Fischerei gestiegen sei. In der Tat wurde die Quote erst im Dezember letzten Jahres wieder erh├Âht. Dabei sagen die Bef├╝rworter der EU die Gemeinsame Fischereipolitik solle vor allem der ├ťberfischung entgegenwirken. Aber Mr McAlistair und viele seiner Kollegen beklagen, was sie als ├ťberregulierung empfinden. Auf Nachfrage gesteht er jedoch ein, dass die Fischerei in den letzten Jahren nicht schlecht dast├╝nde. In der Tat sind nicht alle Fischer f├╝r den Austritt.

Fischer von der Isle of Luing an der schottischen Westk├╝ste
Fischer von der Isle of Luing an der schottischen Westk├╝ste

Auf der nahegelegenen Insel Luing leben ca. 200 Menschen. Die ├ťberfahrt dauert nur 3 Minuten, aber das Leben auf Luing ist noch sehr traditionell. Hugh, Neil und Innes MacQueen sind 3 Generationen von Fischern. Alle 3 wollen in der EU bleiben. Sie fischen nach Krabben, Hummern und Garnelen. Neil MacQueen sagt, es gehe nicht nur darum, dass er seinen Fang nach Spanien und Frankreich verkaufe und auch an europ├Ąische Touristen in Oban. Er f├╝hle sich als Schotte und auch als Europ├Ąer. Sein Sohn Innes stimmt ihm zu. Die beiden haben eine europ├Ąische Identit├Ąt, scheinen mir aber damit eher in der Minderheit zu sein.
Ich lebe seit 12 Jahren in Gro╬▓britannien und arbeite seit acht Jahren als Journalist hier. Die Frage der Identit├Ąt steht in der ├Âffentlichen Debatte um die EU nicht im Vordergrund, k├Ânnte aber meiner Meinung nach dennoch von Bedeutung sein. Selbst Premierminister Cameron, der f├╝r den Verbleib k├Ąmpft, sagte sein Land habe einen unabh├Ąngigen Inselcharakter.

Sir Jamie McGrigor auf seiner Farm in der schottischen Highlands
Sir Jamie McGrigor auf seiner Farm in der schottischen Highlands

Auch die Landwirte sind gespalten. Sir Jamie McGrigor ist Farmer und konservativer Politiker mit Schwerpunkt Europapolitik. Er will in der EU bleiben. Sir Jamie ist sich nicht sicher, warum viele seiner Kollegen f├╝r den Austritt sind, glaubt aber, das k├Ânne an der B├╝rokratie liegen. Viele der Formulare, die Bauern ausf├╝llen m├╝ssen, um ihre Subventionen zu bekommen, seien so kompliziert, dass man professionelle Hilfe brauche. Er denkt aber, das liege oft auch daran, dass die nationale Regierung die EU-Richtlinien noch umfangreicher und b├╝rokratischer mache, als von der EU verlangt. Weite Teile der Landwirtschaft, sind jedoch auf Arbeiter aus dem europ├Ąischen Ausland angewiesen.
Dann schwenkt er um auf die positive Seite: Gro├čbritannien habe in der EU floriert. In seiner Jugend sei das Land als das Armenhaus Europas bekannt gewesen, und jetzt sei es eines der reichsten L├Ąnder der Welt. Er sei 1949 geboren und habe nie auf jemanden schie├čen m├╝ssen. Die EU habe geholfen, Vertrauen zu bilden. Wenngleich Sir Jamie keine europ├Ąische Identit├Ąt zu haben scheint, kann er doch die positive Seite der europ├Ąischen Idee erkennen. Aber auch diese Position h├Âre ich hier┬á eher selten.

Fehlt den Briten die europ├Ąische Identit├Ąt?

Schafe vor Ben Cruachan, Argyll, Schottland
Schafe vor Ben Cruachan, Argyll, Schottland

Woran mag es liegen, dass die europ├Ąische Idee hier nicht so popul├Ąr ist? Ich habe nachgeforscht. Ein Besuch bei Brigadegeneral John MacFarlane ist dabei aufschlussreich. Er hat das britische Kolonialreich in voller Bl├╝te erlebt. Seine Karriere hat ihn u.a. nach Nepal und in den Irak gebracht. Er ist f├╝r den Verbleib in der EU, glaubt aber, viele Bef├╝rworter des Austritts w├╝rden dem Empire nachh├Ąngen. Dessen Nachfolgeorganisation, der Commonwealth,┬á wird weiterhin lebendig gehalten, insbesondere durch die Commonwealth Spiele. Eine politische Bedeutung hat der Zusammenschlu╬▓ wohl nicht, seine Existenz unterstreicht meiner Ansicht nach aber, wie wichtig den Briten ihre Vergangenheit als gr├Â╬▓te Kolonialmacht aller Zeiten ist.┬á Mr. MacFarlane glaubt, dass viele, die f├╝r den Austritt stimmen werden, ihr altes England wiederhaben wollen.
Torcuil Crichton, der politische Herausgeber des Daily Record, einer ├╝berregionalen Tageszeitung, pflichtet ihm bei: Manche in der konservativen Partei lebten im vergangenen Jahrhundert. Sie h├Ątten ihre Schwierigkeiten mit der Globalisierung und wollten zur├╝ck in das England des 20. Jahrhunderts. Er f├╝gt hinzu, dass er Gro├čbritannien als Gegengewicht gegen eine zu starke Integration und ├ťberregulierung in der EU sieht.
Sind die Bef├╝rworter des Austritts also engstirnige Ewiggestrige? Ganz so einfach ist es wohl nicht. Barry Yager hat ein kleines IT Unternehmen in London mit 12 Angestellten, die in England und in Indien arbeiten. Er wei├čt den Vorwurf, fremdenfeindlich zu sein, strikt zur├╝ck. Die EU h├Ąlt er f├╝r zu gro├č und antidemokratisch. In der Tat wird von den Brexit Bef├╝rwortern immer gerne erw├Ąhnt, dass das Europ├Ąische Parlament keine Gesetze einbringen kann. Seine Frau, Deirdre, Hausfrau und Mutter, f├╝gt hinzu, sie h├Ątten deutsche Freunde und w├╝rden regelm├Ą├čig aufs europ├Ąische Festland in den Urlaub fahren. Beide f├╝hlen sich missverstanden.
Ich habe keine empirische Erhebung zur Frage der Identit├Ąt durchgef├╝hrt, aber schon seit Jahren mit Leuten ├╝ber die Frage der Identit├Ąt gesprochen. Mir scheint, die europ├Ąische Identit├Ąt ist bei weniger Briten angekommen als bei Kontinentaleurop├Ąern. Das hat sicher historische aber auch geographische Gr├╝nde. Man kann das gut oder schlecht finden, aber ich sehe keine Basis daf├╝r diese Menschen als engstirnige Ewiggestrige abzustempeln.
Die Frage der Identit├Ąt hingegen spielt in der ├Âffentlich gef├╝hrten Debatte keine besonders gro├če Rolle. Vielleicht ist das nicht ├╝berraschend, weil sich eine Debatte dar├╝ber nur schwer argumentativ gewinnen l├Ą╬▓t. Es geht da in erster Linie um die Wirtschaft und Immigration. Dennoch wird die Bedeutung der Identit├Ątsfrage wohl untersch├Ątzt. Darauf deutet die Tatsache hin, dass nicht nur Schotten, sondern auch Waliser und Nordiren europafreundlicher zu sein scheinen. Neil MacQueen sagt, er f├╝hle sich genauso nah an Paris oder Madrid wie an London. Eine solche Aussage wird man in England wohl sehr selten h├Âren.

Wie k├Ânnte es im Falle eines Austritts weitergehen?

Mr McAlistair sagt, er stelle den wirtschaftlichen Aspekt in den Vordergrund. Die schottischen Fischer h├Ątten ein attraktives Produkt, und das w├╝rde sich auch nach dem Verlassen der EU trotz Handelsbarrieren noch gut verkaufen. Ob Gro├čbritannien nach einem Austritt tats├Ąchlich mehr Kontrolle ├╝ber die eigenen Gew├Ąsser h├Ątte, h├Ąngt davon ab, wie die bilateralen Vertr├Ąge auss├Ąhen, die dann ausgehandelt w├╝rden. Als Gr├Ânland 1982 die Europ├Ąische Wirtschaftsgemeinschaft verlies, handelten die Gr├Ânl├Ąnder einen zollfreien Zugang zum Markt der EU f├╝r ihren Fisch aus. Im Gegenzug mussten sie ihre Gew├Ąsser f├╝r die EU Fischer ├Âffnen.

In den Garvellach Inseln, Argyll, Schottland
In den Garvellach Inseln, Argyll, Schottland

Bef├╝rworter des Austritts sagen, Grossbritannien h├Ątte endlich wieder die Kontrolle ├╝ber die Immigration, wesentlich weniger B├╝rokratie und w├╝rde ┬ú350 Millionen pro Woche an Beitr├Ągen sparen. Tats├Ąchlich ist die Zahl aber eher irref├╝hrend. Zieht man die Gelder, die wieder nach Gro├čbritannien zur├╝ckflie├čen ab, steht die Zahl bei ┬ú136 Millionen.
Weiterhin wird auf die M├Âglichkeit hingewiesen mit der EU ein Handelsabkommen abschlie├čen zu k├Ânnen. Norwegen und die Schweiz haben ein solches Abkommen, zahlen daf├╝r aber auch Beitr├Ąge und m├╝ssen viele der EU-Richtlinien ├╝bernehmen. Wahrscheinlich m├╝sste Gro├čbritannien sogar die Freiz├╝gigkeit der Arbeitnehmer akzeptieren, h├Ątte also weiterhin keine Kontrolle ├╝ber die Einwanderung aus der EU. Mr. Cameron hatte versprochen diese auf unter 100.000 pro Jahr zu senken. Derzeit kommen aber ├╝ber 300.000 Immigranten pro Jahr, 184.000 davon aus anderen EU L├Ąndern. Die Bef├╝rworter des Austritts sagen, das belaste die Sozialsysteme. Wenn Gro├čbritannien also weiterhin Beitr├Ąge bezahlen m├╝sste, eventuell keine Kontrolle ├╝ber die Einwanderung hat und viele Richtlinien ├╝bernehmen m├╝sste, stellt sich die Frage, ob der von den Austrittsbef├╝rwortern gew├╝nschte Effekt erreicht w├╝rde.
Der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, hat hingegen vor einer Rezession und einer Destabilisierung der M├Ąrkte im Falle eines Austritts gewarnt. Der Finanzminister, George Osborne, f├╝gte hinzu, jeder Haushalt st├╝nde finanziell ┬ú4300 im Jahr schlechter dar. Die Debatte hat dazu gef├╝hrt, dass viele Menschen noch unsicherer geworden sind, weil sie nicht mehr wissen, wem sie glauben sollen.

L├Ąmmer
Argyll, Schottland

K├Ąme es dennoch zum Austritt, k├Ânnte das weitere Folgen haben. In Schottland scheint eine deutlich gr├Â├čere Mehrheit f├╝r den Verbleib zu sein. Die erste Ministerin Schottlands, Nicola Sturgeon, hat schon angek├╝ndigt, sollte Gro├čbritannien f├╝r den Austritt stimmen und Schottland dagegen sein, wird sie ein erneutes Unabh├Ąngigkeitsreferendum anstreben. In 2014 hatten sich die Schotten mit 55% gegen die Abspaltung entschieden. Seitdem hat Ms. SturgeonÔÇÖs schottische Nationalpartei ihre Mitgliederzahl aber vervierfacht. Eine Spaltung des Vereinigten K├Ânigreiches w├Ąre dann also durchaus denkbar.

Hat die EU oder GB mehr zu verlieren?

Mr. MacFarlane denkt, ein Austritt Gro├čbritanniens k├Ânnte der Anfang vom Ende der EU sein. Spanien, Irland, die Niederlande und Deutschland haben zum Ausdruck gebracht, dass der Austritt den Briten nicht leicht gemacht w├╝rde. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gesagt, sie hoffe, Gro├čbritannien bleibe in der EU. Sie f├╝gte hinzu, als EU-Mitglied h├Ątten die Briten bessere Konditionen, als sie au├čerhalb jemals bekommen k├Ânnten. Die Mitgliedschaft der Briten sei auch gut f├╝r die EU. Britische Bef├╝rworter des Austritts antworteten umgehend, sie m├Âge gut sein f├╝r die EU, das bedeute aber nicht unbedingt, dass sie auch gut sei f├╝r Gro├čbritannien.
Tats├Ąchlich gehen 45% aller britischer Exporte in die EU. Dem (britischen) Nationalen Institut f├╝r Wirtschafts- und Sozialforschung zufolge liegen die Exporte der (Rest-) EU nach Gro├čbritannien bei 16%. Das deutet zumindest darauf hin, dass ein britischer Austritt eine gr├Â├čere wirtschaftliche Auswirkung auf Grossbritannien h├Ątte, als auf den Rest der EU. Ob ein Austritt Gro╬▓britanniens gr├Â╬▓ere politische Wogen in der EU schlagen w├╝rde, bleibt aubzuwarten.
Aber vielleicht kommt es ja auch nicht dazu. Wenn man den Buchmachern glaubt, ist Grossbritannien gar nicht so gespalten. Die gehen mit 80%iger Wahrscheinlichkeit davon aus, dass Gro╬▓britannien in der EU bleibt. Sie lagen z.B. beim Referendum ├╝ber schottische Unabh├Ąngigkeit richtig. Dennoch ist deren Annahme mit Vorsicht zu geniessen, da die Wettenden keineswegs representativ sind f├╝r die Bev├Âlkerung. Wir m├╝ssen also bis Freitag auf das Ergebnis warten.

Vote Leave ist die Organisation, die offiziell f├╝r den Austritt wirbt: www.voteleavetakecontrol.org.
Britain Stronger in Europe ist die offizielle Organisation f├╝r einen Verbleib in der EU: www.strongerin.co.uk.


Live interview about the upcoming EU referendum in the UK on DW TV (20/6/16), in English


Live Interview ├╝ber das Brexit Referendum f├╝r Deutsche Welle (20.6.16), in German


Live interview looking ahead at the Brexit referendum on whether the UK should remain in or leave the EU for DW TV (5/5/16),  in English


Reporting live on the Scottish Independence Referendum, BBC 1 Scotland (19/9/14), in English

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